Ein Verriss – Jeff Jarvis: Was würde Google tun

Jeff Jarvis veröffentlichte Anfang 2009 sein vielfach diskutiertes Buch What Would Google Do?. Recht schnell eroberte es unter dem deutschen Titel Was würde Google tun die Blogs und Online-Feuilletons. Doch statt Lob verdienen Jarvis’ Blick & Ratschläge eine gehörige Portion Realismus.

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Werbevideo von Jarvis zu seinem Buch

Bei deutsche-startups.de gibt es ein weiteres Video-Interview mit Jarvis über die Ideen seines Buches.

Selbstdarsteller?

In einer ansonsten absoluten langweiligen Bilder-Klick-Strecke unter dem Titel Die größten Selbstdarsteller im Netz schreibt die Süddeutsche über Jarvis:

Jarvis, der Prediger eines neuen Journalismus, produziert rund um die Uhr, ob er vom Erfolg Googles, seiner Krebserkrankung oder dem letzten Saunabesuch schreibt.
www.sueddeutsche.de/digital/internet-persoenlichkeiten-die-groessten-selbstdarsteller-im-netz-1.975087-7

Wenn sich die Süddeutsche nicht gerade durch den Verkauf von Nazi-Literatur selbst als seriöse Quelle disqualifiziert oder durch obige, wohl recherchierte Klickstrecken journalistische Qualität neu definiert, führt sie wie viele andere natürlich auch Interviews mit Jeff Jarvis. Ob man dem vermeintlichen Selbstdarsteller da bei seiner Selbstdarstellung doch etwas unter die Arme gegriffen hat?!

Die Ideen von “Was würde Google tun”

Natürlich gibt es auch eine Unmenge von weiteren Rezensionen, Interviews, Kommentaren und Veranstaltungen, die sich mit Jarvis’ Was würde Google tun beschäftigen.

Über die Wiedergabe von Werde eine Plattform, Gib den Kunden Kontrolle, Behandle sie als Partner kommt vieles nicht hinaus. Relativ übersichtlich bekommt man die Thesen in einer Präsentation von Jeff Jarvis selber:

Powerpoint-Präsentation der Thesen “Was würde Google tun”

Was würde Jarvis tun …

Auf die Thesen insgesamt will und kann ich gar nicht eingehen. Jarvis hat auf seinem Blog spannende Debatten angeregt und geführt. Der veralteten und verärgerten Medienwelt weist er auf Kongressen immer wieder neue Wege auf. Und Inkompetenz kann man Jarvis wohl kaum vorwerfen, wenn man seine Ideen, sein Buch, seine Thesen, Interviews und Vorträge betrachtet.

Was würde Google tun? - Geschrieben von Jeff Jarvis, gelesen auf dem Klo
Was würde Google tun? - Geschrieben von Jeff Jarvis, gelesen auf dem Klo

Kritik? Kritik!

Ist das realistisch?

Andere würde es utopisch oder visionär nennen, aber ich halte viele, wohlgemerkt nicht alle und nicht grundsätzlich, seiner Ideen für unrealistisch. Vor lauter Nischen und Plattformen in denen ich nach Jarvis aktiv, interessiert oder von denen ich auch nur Kenntnis erlangen soll, kann ich nicht mehr leben. Denn alle Empfehlungen, Ratschläge und Tipps, die ich mir auf den Plattformen der unterschiedlichsten Nischen holen kann, benötige ich meinem Alltag nicht. Ich werde vor dem Kauf eines Weines kein Empfehlungsvideo von Gary Vaynerchuk anschauen. Und ich werde in drei Jahren auch nicht im Supermarkt mein Smartphone zücken und mithilfe irgendeiner App die Onlinereputation der günstigen Reissorte im Regal vor mir erkunden.

Aber die Fabrikhallen und Maschinen …

Firmen sollen Lösungen bieten und keine Produkte schreibt Jarvis. Und führt ein recht eindrucksvolles Beispiel an: Wie kann ein Hersteller von Toilettenpapier zu einem Problemlöser werden, der nicht mehr nur Toilettenpapier herstellt? Er sollte sich doch bewusst machen, dass er kein Hersteller von Klopapier ist, sondern Lösungen zur Reinigung nach dem Toilettengang anbietet, so Jarvis. Und nach einem Loblied auf japanische Toiletten mit Wasserreinigung etc. empfiehlt er doch hier das künftige Geschäftsmodell zu sehen und nicht auf dem Toilettenpapier sitzen zu bleiben.

Stellt sich doch nun nur die Frage, ob es für Toilettenpapierhersteller X wirklich so einfach ist, sein Produktportfolio komplett umzuwerfen? Und mal eben eine Entwicklungsabteilung für automatische Toiletten aus dem Boden zu stampfen und dann die alten Fabrikhallen einzustampfen … Und selbst wenn Hersteller X dies erfolgreich bewältigt, wo ist dann der Unterschied zu Hersteller Y, der nun das gewünschte Toilettenpapier produziert?

Versicherung? Sozial? Mitnichten!

Nischen statt sozialer Verantwortung lautet die Devise? Nicht dass ich mich mit den unterschiedlichen Versicherungsmodellen, Angeboten, Tarifen etc. gut auskenne oder gar einen vernünftigen Überblick hätte. Doch Jarvis Ideen von Nischen-Versicherungen scheinen mir durchaus eine gesellschaftliche Verantwortung und die Idee eines Sozialstaates zu negieren. Vielleicht ist es meine Unkenntnis, vielleicht eine falsche Sichtweise aber Jarvis scheint das Konzept der Nischen-Versicherungen, in denen sich die Menschen nach ihrer Gesundheit, Bereitschaft zur Vorsorge u.ä. selber organisieren, nicht auf ihre gesellschaftlichen Auswirkungen untersucht zu haben. Die vollständige Auflösung aller sozialstaatlichen Prinzipien scheint die Folge zu sein. Denn schließlich muss bei Krankenversicherungen nicht das Ende sein. Und was sich auf den ersten Blick noch für alle im Großen und Ganzen irgendwie auszugleichen scheint, wird für die Schwächsten der Gesellschaft zu einer kaum zu bewältigenden Herausforderung.

Oder ist das nur ein nicht-visionärer Blick, verhangen in alten Moralvorstellungen? Ermöglicht vielleicht eine weitere Vernetzung in unterschiedlichen, individuelleren Plattformen und Nischen eine gesellschaftliche Weiterentwicklung für alle?

Kaufen & Lesen?

Was würde Google tun? ist eine spannende Frage, die sich nicht nur in Geschäftsmodellen und Internetplattformen erschöpfen sollte. Jarvis betont immer wieder, dass Google aufgrund von Zahlen, Daten und Fakten handelt. Unabhängig von Wunschvorstellungen und unbewiesenen Prognosen bezeichnet er sie als Ingenieure, die nicht vermuten sondern messen. Politisches Wertvorstellungen und Hoffnungen die nun klaren Fakten weichen, sind sicherlich eine spannende Utopie. Soweit geht Jarvis aber noch nicht, er bleibt erstmal in der Wirtschaft, im Medienbereich, bei dem Verhältnis von Firmen zu Konsumenten.

Jeff Jarvis: Was würde Google tun?
Wie man von den Erfolgsstrategien des Internet-Giganten profitiert, 2009
Deutsche Ausgabe bzw. englische Ausgabe bei Amazon

Videos: (alte) Google-Dokumentation & neue Seifenblasen

Etwas verwirrt war ich, als ich vorhin im Googlewatchblog den Hinweis auf eine Dokumentation von ZAPP über Google fand. Denn die Doku ist schon etwas älter und auch auf den Seiten des NDR-Magazins ZAPP verfügbar (Infotext: Google – die Macht einer Suchmaschine (Spezial vom 07.06.2006)).

Und über die immer wieder lesenswerten Jungs von F!XMBR ein durchaus interessantes Video zu gewissen Internetblasen — wenn ich da noch häufiger lese, muss ich mir auch mal FreeBSD oder so was installieren, damit ich den Rest der Beiträge auch verstehen kann ;)

Videos zu Grundlagen des Web 2.0

commoncraft.com hat vier Videos gedreht, in denen sie gut verständlich erklären, was Wikis, RSS, Social Networking und Social Bookmarking sind.

Die Videos sind auf englisch, allerdings sehr gut verständlich. Die Inhalte sind gut aufbereitet und versprühen auch noch etwas Witz.

[gefunden bei basicthinking.de]

Web 2.5 durch Googles Web History?!

Wenn Web 2.0 hauptsächlich durch User Generated Content gekennzeichnet ist, dann muss die Weiterentwicklung wohl in der technischen Verarbeitung dieser Inhalte liegen. Die Sortierung und Bewertung der Inhalte wird m.E. die größte zu bewältigende Aufgabe sein. Schon jetzt bekommen Social Search-Systeme eine größere Bedeutung als die konventionellen Suchmaschinen, auch wenn sie natürlich nicht ganz verschwinden werden.

Wie liefert man aber nun dem Suchenden nicht nur Antworten auf konkrete Fragen, sondern unterstützt ihn auch dabei, sich neue Themen oder Themenfelder zu erarbeiten? Jeder Suchende hat andere Präferenzen. Seien es Lieblingsseiten, die für ihn eine adäquate Einführung in das Thema geben, Nachrichtenseiten, die News zu aktuellen Themen bringen, oder vielleicht auch einfach Seiten von Freunden und Bekannten, die Interessantes berichten. Wenn ich mein eigenes Surfverhalten betrachte, dann kann ich feststellen, dass ich immer wieder die gleichen Internetseiten ansteuere. Nicht nur ob neuer Informationen zu einem bereits erarbeiteten Thema sondern auch, um mir neue Themen anzuschauen. Ich habe also ein eigenes, kleineres und daher überschaubares Netz im Internet mir selbst aufgebaut.

Doch bislang konnte ich dieses Netz nicht wirklich definieren. Denn es sind mehrere hundert Seiten, ich verwende einige unregelmäßig und auch die Ränder dieses Netzes sind oftmals verschwommen – es werden neue Seiten getestet, manchmal als würdig – manchmal als unwürdig klassifiziert. Aber alle diese Seiten aufzuzählen, ist mir nicht möglich.

Nun kommt Google mit seinem Dienst der Web History daher und macht den großen Schritt, diese Daten zu sammeln. Und sie auch in die Suche einfließen zu lassen. Denn schon einmal besuchte Webseiten werden bei einer neuen Suche höher in den Suchergebnissen angezeigt. So wird mein Gedanke eines kleinen, eigenen Netzes langsam umgesetzt.

Natürlich ließe sich ein solcher Dienst auch lokal in eigenen Browser umsetzen. Der hätte bloß zwei entscheidende Nachteile: Man wäre weiterhin auf seinen eigenen Computer, sein eigenes Handy oder seinen eigenen Laptop angewiesen, um auf diese Daten zuzugreifen. Und Google kann keinen gläsernen Nutzer für seine Werbung erschaffen.

Einige Beiträge zum Thema:

Web 2.0 macht Google überflüssig?!

Vor einigen Tagen veröffentlichte Robert Basic einen interessanten Artikel über die Zukunft “konventioneller” Suchmaschinen (Wann braucht man Google nicht mehr?). Mittlerweile kann man ja getrost “Google” als Synonym für alle nicht-menschlichen Suchmaschinen benutzen.

Und der größte Killer der Suchmaschinen ist die Wikipedia, so wie jedes andere Wiki, mit qualitativ hochwertigen Inhalten. Menschen verbinden sich unter Zuhilfenahme dieser Tools und informieren sich untereinander immer schneller, immer besser und immer ausführlicher über jedwede Art von Information. Blogs, Social Networks, Social Shopping-Plattformen, Wikis wie auch die Foren sind die größten, disruptiven Entwicklungen, die Google im Kern bedrohen.

schreibt Basic. Ein interessanter Gedanke, dass Mundpropaganda im weitesten Sinne die normale Googlesuche ablösen wird. Die Auswahl und Kommentierung von Links durch eine menschliche Redaktion, die Relevanz und Qualität wahrscheinlich noch jahrelang besser einschätzen können wird als die Algorithmen von Google, Yahoo & Co., klingt nicht nur logisch, sondern deckt sich auch gut mit meinen Erfahrungen.
Mittlerweile suche ich zum Beispiel nach der Herstellerseite einer Software nicht mit Google, Yahoo o.ä. Ich suche den entsprechenden Eintrag in der Wikipedia und folge dort dem Link zur Herstellerseite. Von der Anzahl der Klicks bzw. dem Eintrag von Suchbegriffen her ist es nicht aufwendiger. Aber ich muss nicht erst die ersten zehn (?) Ergebnisse einer Suche nach der Herstellerseite scannen, sondern sehe den Link direkt auf den ersten Blick. Irgendwelche Blogs oder Computerzeitschriften, die über die Software berichten, Konkurrenten und auch Werbung sehe ich so einfach nicht. Und ich komme direkt zu der gewünschten Seite.

Aber was ist mit neuen Seiten? Einen Eintrag in der Wikipedia zu bekommen, Backlinks für ein neues Projekt und Bekanntheit bei (anderen) Blogs und Social Search-Systemen ist nicht wirklich einfach. Bei den großen Suchmaschinen eine Sitemap mit dem Inhalt der neuen Webseite einzureichen, ist mittlerweile viel leichter. Und es ist weniger arbeitsaufwendig, als sich in den unterschiedlichen Social Bookmarking-Systemen einzutragen (Stichwort SMO).

Die Einstiegshürde für neue Seiten, neue Inhalte dürfte also ungleich höher sein. Das ist zwar auch ein Qualitätskriterium für die Seite, aber leider auch ein Qualitätskriterium für die Internet-Kenntnisse (und den Zeitaufwand) des Autoren. Also werden dann die besten Seiten über Web 2.0-Werkzeuge erreichbar sein und das große Mittelmaß hängt hinterher? Für dies wird man, so scheint es mir, auch noch Google & Co. brauchen.

Umfrage zu Web 2.0 – Eigentlich kennt ’s keiner

So kennen rund ein Viertel der befragten Personen den Begriff Web 2.0, die bereits seit 1996 das Internet nutzen. Bei den Befragten, die erst seit 2000 oder später das Internet für sich entdeckt haben, sind es lediglich 6 Prozent.

Dann bin ich mit einem Blog, der auch noch Tags verwendet und Links aus einem Social Bookmarking-Tool einbindet, so etwas von zukunftsweisend. Unglaublich ;)

Die vollständigen Ergebnisse der Umfrage aus dem Oktober 2006 gibt es bei ECC Handel. Dort sind ebenfalls die Ergebnisse einiger weiterer Umfragen zu Web 2.0.

Und wer nicht weiß, was Web 2.0 ist, findet die Antworten natürlich bei Lycos iQ.

gefunden im einfach persönlich Sideblog