Ein anderer Blickwinkel. Zum medizinisch betreuten Freitod

Claudia Klinger (@Humanvoice) hat gestern einen lesenswerten Blogpost veröffentlicht. Unter dem Titel Zum Recht auf einen medizinisch betreuten Freitod (Hart aber fair) schreibt sie zur tagszuvor gelaufenen TV-Diskussion “Hart aber fair”. Und Claudia Klinger vertritt aus einer individuellen Sicht das Recht auf einen medizinisch betreuten Freitod. Sehr anschaulich, sodass es mir schwer fällt ihr zu widersprechen.

Trotzdem muss ich ihr widersprechen. Nämlich aus einem gesellschaftlichen Blickwinkel, auch wenn ich aus dem Blickwinkel der Einzelperson kein Argument gegen den medizinisch betreuten Freitod sehe.

Analyse zur Sterbehile

Wo ärztliche Sterbehilfe legal ist, wird sie quer durch die Bevölkerung gleichmäßig in Anspruch genommen: nicht, wie befürchtet, überproportional oft etwa von chronisch Kranken oder Armen

Telepolis fasst einen Artikel des Journal of Medical Ethics zusammen und gibt einen kurzen Überblick über die Sterbehilfe in den Niederlanden und in Oregon (USA). Befürchtungen, dass bestimmte Randgruppen (wie z.B. ältere Menschen) die Sterbehilfe besonders in Anspruch nähmen, scheinen sich nicht zu bestätigen.

Gedankensplitter Selbstmord

Einige persönliche Gedanken zu Selbstmord …

Freitod und Selbstmord haben eine moralische Wertung. Selbsttötung beschreibt nur den eigentlichen Vorgang. Suizid ist ein Begriff wissenschaftlicher Kreise.
Schafft solche Fachsprache eine Distanz?
Ist diese sprachliche Distanz ein Schutz?
Wovor schützt sie?
Vor der Möglichkeit der eigenen Entleibung?

Jeder zehnte Suizidversuch endet tödlich. Es sterben etwa 11.000 – 12.000 Menschen jährlich durch Suizid in Deutschland. (Wikipedia: Suizid)

Enttäuscht ein Suizidant seine Mitmenschen durch seinen Suizid, den er begeht, um sie nicht zu enttäuschen? Oder sind die Mitmenschen egal? Wenn sie egal sind, waren sie dann nicht da, als sie benötigt wurden?
Oder waren sie da und wurden nicht wahrgenommen?
Oder waren sie vermeintlich nicht erreichbar?
Mussten sie erreichbar sein? Oder selber auf den Suizidanten zukommen?
Und was, wenn sie es gemacht haben? Aber nicht wahrgenommen / ihre Hilfe nicht angenommen wurde?

Wessen Entscheidung ist eine Selbsttötung?

Muss man eine solche Entscheidung akzeptieren? Darf man sie hinterfragen?
Muss man sie hinterfragen und eingreifen?

Mit welchem Ziel kann es ein Eingreifen geben?

Mit dem Ziel einer Verschiebung der Selbsttötung? Vielleicht zu einer Zeit / einem Ort, an dem man selber es nicht mitbekommt?
Eines Weiterlebens aus religiösen Gründen? Ist der Suizidant dann nicht doppelt schuldig, sein Leben nicht leben zu können und sein Leben auch beenden zu wollen? Nützt eine Schuldzuweisung?

Ein Weiterleben, um Probleme zu lösen? Ist eine Selbsttötung auch eine Problemlösung? Vielleicht sogar eine schnelle und vollständige? Oder ist es nur eine vermeintliche Lösung?
Quasi ein dem Problem Aus-dem-Weg-gehen?

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