Hanna Schmitz ist schuldig!

Das Buch “Der Vorleser” von Bernhard Schlink ist 1995 erschienen, wurde in 37 Sprachen übersetzt und war lange Zeit auf den Bestseller-Listen zu finden. Die Geschichte dreht sich um den fünfzehnjährigen Michael Berg, der eine Affäre mit der deutlichen älteren Hanna Schmitz hat. Die Affäre endet und Michael Berg sieht seine Liebe im Gerichtssaal wieder, wo Hanna wegen ihrer Aufsehertätigkeit in einem Außenlager des KZ Auschwitz angeklagt ist. Sie ist Analphabetin und lernt erst in ihrer späteren Gefängniszeit das Lesen und Schreiben.

Das Buch liefert einen Einstieg in die NS-Zeit, der aus der Täterperspektive geschildert wird. Nämlich durch die KZ-Aufseherin Hanna Schmitz oder genauer gesagt durch Michael Bergs Beobachtung von Hanna und ihrem Prozeß. Da das Buch fast durchgängig die Täterperspektive beschreibt und erst am Ende die Opfer zu Wort kommen läßt, fällt mein Urteil über Hanna recht rigide aus. Wir sollten in der Schule ein Urteil über Hanna schreiben, was ich nun den Weiten des World Wide Web übergebe.

Schuldig

Hanna Schmitz wird hiermit schuldig gesprochen des mehrfachen Mordes, der mehrfachen Beihilfe zum Mord und der mehrfachen unterlassenen Hilfeleistung. Bewährung oder Strafmilderung sind auf sie nicht anzuwenden.

Hanna Schmitz war Mitglied der verbrecherischen Organisation Schutzstaffel (SS) in den Jahren 1943 bis 1945. Sie meldete sich freiwillig ohne zwingende Gründe (s. S. 91) und erfüllte ihren Dienst nach eigenen Angaben gewissenhaft (s. S. 106). Niemals war erkennbar, dass sie sich gegen die Massenmorde einsetzte oder diese auch nur hinterfragte. Im Gegenteil nutzte sie ihre Machtposition gewissenlos aus, um Menschen, die von ihrem Analphabetismus Kenntnis hatten, ermorden zu lassen (s. S. 111 & S. 127).
Hanna Schmitz war Aufseherin in einem Konzentrationslager und wählte regelmäßig Menschen zur planmäßigen Vernichtung mit anderen Aufseherinnen aus (s. S. 116). Auch wenn sie nach bisherigem Kenntnisstand die Morde nie selber vollbrachte, war ihr und den anderen Aufseherinnen immer bekannt, dass eine Selektion aus ihrem kleinen Lager heraus immer das Todesurteil für die ausgesuchten Menschen brachte.
Sie beteiligte sich rücksichtslos nach Auflösung des Lagers in Krakau an der Durchführung eines Todesmarsches, dessen einziger Zweck die kostengünstige und sichere Ermordung der restlichen Gefangenen war. So waren schon nach einer Woche die Hälfte aller Gefangenen tot; spätestens dann war allgemein der Charakter dieses Marsches bekannt (s. S. 116). Sie machte sich zudem schuldig der Unterlassenen Hilfeleistung als sie einer Bombennacht 1945 unzählige Kinder und Frauen einer brennenden Kirche eingesperrt lies und ihnen nicht das Überleben durch simples Aufschließen der Türen ermöglichte.

Die Moralvorstellungen, die die Angeklagte zur Schau stellt, waren und sind nur davon geprägt, ihren Analphabetismus zu Verbergen. Dieses Verbergen ist ihr so wichtig, dass sie regelmäßig Menschen ermorden lies, die davon wussten. Dieses Vorgehen zieht sich in unterschiedlicher Stärke durch ihr gesamtes bisheriges Leben. Auch wenn es unangenehm und beruflich sicherlich nicht fördernd ist Analphabetin zu sein, wäre ein Bekennen zu ihrem Analphabetismus möglich gewesen. Sie bewies durch ihre Arbeit bei Siemens, dass sie ihren Beruf dort zur vollsten Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten ausführte. Ein Bekenntnis hätte sie sicherlich von der vorgeschlagenen Beförderung weggebracht, aber nicht ihre Lebensgrundlage entzogen. Sie hätte Fördermöglichkeiten suchen können und wäre so nicht zu einer willfährigen Vollstreckerin eines millionenfachen geplanten Mordes geworden.

Da die Angeklagte nicht in der Lage ist Menschenrechte zu erkennen bzw. höher zu werten als ihre Scham Nicht-Lesen zu können, ist sie eine Gefahr für jegliche Gesellschaft und hat nicht den Anspruch auf Bewährung. Anspruch hat sie allerdings auf das Menschenrecht der Bildung, die ihr im Strafvollzug gegeben werden muss.

Hilfreich war mir dieses Buch: Der Vorleser. Erläuterungen und Dokumente.

Lies weiter!

Hier schreibt exklusiv für Dich

Marc Pentermann bloggt seit über zehn Jahren. Hier wird über technische, netzpolitische und sozialpolitische Themen mit dem Schwerpunkt Arbeit & Arbeitsmarkt geschrieben und Fotos veröffentlicht.

40 Kommentare

    Kommentare sind geschlossen.