LYCOS Archiv: ‘Wir wollen menschliches Fach- und Erfahrungswissen leicht und schnell zugänglich machen’

Originalansicht: Interview mit Thomas Dominikowski

LYCOS Europe veröffentlichte im Januar 2006 zum Start von LYCOS iQ ein Interview mit Thomas Dominikowski. Der damalige Product Director Search stellt die unterschiedlichen Funktionen vor und erläutert die Unterschiede zu einigen damals bestehenden Frage-Antwort-Portalen.
Mit der Auflösung von LYCOS Europe und dem Verkauf von LYCOS iQ an das iLab der Hubert Burda Media GmbH war es nicht mehr erreichbar, weshalb ich es hier nun zur Verfügung stelle.

Ich danke Thomas Dominikowski und LYCOS Europe für die freundliche Erlaubnis, das Interview hier veröffentlichen zu dürfen.

Beginn Originalinterview:

‚Wir wollen menschliches Fach- und Erfahrungswissen leicht und schnell zugänglich machen‘

Interview mit Thomas Dominikowski, Product Director Search Lycos Europe

Wofür genau steht Lycos iQ?

Lycos iQ ist ein die klassische Internetsuche ergänzendes neuartiges Community- und Suchprodukt, das menschliches Fach- und Erfahrungswissen anderen leicht und schnell zugänglich machen soll. Fragen können im Unterschied zu Suchmaschinen ausformuliert gestellt und direkt durch ein Experten-Netzwerk beantwortet werden. Damit reicht Lycos iQ als „menschliche Suchmaschine“ weiter als herkömmliche Suchtechniken, die zwar Trefferlisten nach gesuchten Schlagworten anzeigen können, aber keine dezidierten Antworten liefern.

Woher bezieht Lycos iQ seine Inhalte?

Grundsätzlich besteht Lycos iQ aus drei Säulen: Zum einen aus einem Frage- und Antwortsystem – jeder Nutzer kann Fragen stellen, die von anderen Nutzern beantwortet werden. Zweiter Produktschwerpunkt ist eine professionelle Link-Verwaltung, mit der Nutzer die eigenen gesammelten Internetlinks organisieren und anderen zur Verfügung stellen können. Verbunden werden die Bereiche — und das ist die dritte Säule — von der für alle Nutzer frei zugänglichen Experten-Community, durch die jeder sein Wissen anderen zur Verfügung stellen kann, wodurch man Rang und Anerkennung innerhalb des Systems erwirbt. Dies ist auch der Grundgedanke hinter dem Lycos iQ Motto „Dein Wissen zählt“.

Aus welchen Mitgliedern besteht die Experten-Community?

Sie besteht aus einer sehr heterogenen Mischung von Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Berufszweigs, deren kleinster gemeinsamer Nenner ein Internetzugang ist. Diese Verschiedenartigkeit ist ein großer Gewinn für LYCOS iQ: Sie gewährleistet eine Fülle an unterschiedlichen Wissens- und Interessensschwerpunkten. So könnte bei Lycos iQ z. B. ein pensionierter Landschaftsgärtner einem Physikstudenten erklären, wie er seinen Rasen pflegen sollte, der Student erklärt einer Hausfrau, wodurch sie ihre Stromkosten senken kann, und sie wiederum hat homöopathische Tipps gegen die Laktose-Unverträglichkeit eines Erdkundelehrers, der wiederum Spezialist für Filme mit Fred Astaire ist. Dieser geballte Wissensfundus geht in Lycos iQ über und bleibt dort dauerhaft für jeden abrufbar.

Wettbewerbsprodukte, wie z.B. Online-Lexika, Foren oder Newsgroups, haben prinzipiell ein ähnliches Anliegen und existieren schon seit langem.

In Foren und Newsgroups findet zwar reger Wissensaustausch statt, er ist aber zumeist auf sehr spezifische Themengebiete und kleine Gruppen beschränkt. Die Foren selbst wie auch ihre Inhalte sind meistens für Laien kaum oder nur durch mühselige Recherche auffindbar. Lycos iQ ist ein System für alle Themen, das einfach und intuitiv nutzbar ist.
Allgemeine Online-Lexika transportieren und vertiefen zwar Wissen, nutzen aber am besten als Nachschlagewerke. Sie liefern in der Regel keine Antworten etwa zur minimalen Profiltiefe eines Winterreifens oder zum Unwort des Jahres 2001.

Welchen Mehrwert kann stattdessen Lycos iQ bieten?

Lycos iQ ist so angelegt, dass eine breite Fülle von Fach- und Allgemeininformation durch die Frage-Antwort-Situation so aufbereitet wird, dass der Nutzer jeweils die für seine Situation die konkrete Information erhält. Ein Mensch, der auf eine Frage eingeht, kann deren Anliegen viel besser erkennen und erfüllen als jede Art von Technik dies je könnte. Aufgabe der Suche innerhalb von Lycos iQ ist es, dieses Wissen zu organisieren und so zu verarbeiten, dass es leicht auffindbar wird.
Dazu ermöglicht Lycos iQ interessierten Nutzern, sich über Themenkomplexe ihrer Wahl auf dem neuesten Stand halten zu lassen. Durch die in Kürze verfügbaren Abonnements oder RSS-Feeds werden die spezifischen Neuinformationen und interessante Links direkt in ihr E-Mail Postfach geschickt respektive für ihren RSS-Reader bereitgestellt. Persönliche Link-Sammlungen können bei Lycos iQ professionell verwaltet werden und sind dadurch schneller auffindbar und überall online verfügbar. Wer mag, kann seine Linksammlung ebenfalls für andere zugänglich machen, fördert dadurch weiter den Wissensaustausch und erhält weitere Statuspunkte für die Lycos iQ Community.

Wie schützt sich Lycos davor, dass vermeintliche Experten Fragen falsch beantworten?

Zum einen setzen wir auf die Selbstregulierung in den Lycos Communities – im schon seit 1997 bestehenden Lycos Chat zeigt sich zum Bespiel sehr deutlich, dass die Mitglieder mit Störenfrieden umzugehen wissen und sich stark für eine angenehme Atmosphäre innerhalb der Community engagieren. Verdacht auf groben Unfug sollte jederzeit den Produktverantwortlichen zur Überprüfung mitgeteilt werden. Wer einfach keinen Kontakt zu einem bestimmten Mitglied wünscht, kann dieses auch auf eine persönliche schwarze Liste setzen und damit fortan jede weitere Kontaktmöglichkeit unterbinden.

Was passiert, wenn unabsichtlich fehlerhafte Angaben gemacht werden?

Auch dies kann vorkommen. Sollte jemand mit der Beantwortung seiner Frage unzufrieden sein, kann er sie jederzeit neu stellen. Hat überdies noch ein weiterer Experte Anmerkungen zu einer bereits beantworteten Frage, so kann er einen zusätzlichen ergänzenden Kommentar beifügen.
Wir gehen aber von einer allgemein sehr hohen Gewissenhaftigkeit bei der Beantwortung der Fragen aus. Die Mitglieder von Lycos iQ registrieren sich mit einem nicht veränderbaren Mitgliedsnamen und setzen durch falsche Angaben ihren „guten Namen“ aufs Spiel. Innerhalb der Community bewegen sie sich in einem virtuellen Rangsystem, dass ihr Ansehen und ihren Expertenstatus bestimmt.

Muss man sich also in jedem Fall registrieren, um Lycos iQ nutzen zu können?

Möchte jemand einfach nur die Antworten durchstöbern oder interessante Links entdecken, so ist keine Registrierung erforderlich. Wer nur schnell eine Frage stellen will, kann das als Gastnutzer ohne aufwändige Registrierung tun. Wer zum Experten-Netzwerk gehören möchte, um etwa Antworten geben zu können, die Link-Verwaltung zu nutzen und Status- und Bonuspunkte in der Expertencommunity zu erhalten, muss sich einmalig vollständig registrieren. Lycos Europe hält sich strikt an die Richtlinien des Datenschutzes und gibt keine Daten ohne Einwilligung an Dritte weiter. Der Nutzer kann aber frei entscheiden, ob er Daten aus seinem persönlichen Profil für durch ihn ausgewählte Nutzer sichtbar machen möchte, so dass sie z. B. seine E-Mail Adresse, seinen Geburtstag oder seine „Über mich“ Seite einsehen können.

Ab wann wird Lycos iQ sein Ziel, als „menschliche Suchmaschine“ zu funktionieren, vollständig aufnehmen können?

Lycos iQ geht ab sofort in einer Beta-Version an den Start. Wir gehen davon aus, dass sich schnell, über einige Wochen und Monate hin, ein aktives Experten-Netzwerk bilden wird. Denn wir werden sowohl über die Lycos-Suche auf Lycos iQ hinweisen als auch außerhalb des Lycos Netzwerks Promotion-Aktivitäten starten. Zudem hat Lycos iQ auch „virale“ Qualitäten. So können z.B. bestehende Experten neue Nutzer in das System einladen. Es tritt dann eine fließende Wechselwirkung ein: Je mehr Frage- und Antwort-Inhalte sich im Folgenden durch das Engagement der Experten ergeben, desto eher kommt der rein technische Teil von Lycos iQ zum Tragen. Dieser umfasst die umgehende Reaktion auf bereits gelöste, aber neu gestellte Fragen mit den bereits archivierten Antworten. Je besser wiederum die automatisierte Antwortsuche funktioniert, desto mehr Nutzer werden sich für das Produkt registrieren, um es voll nutzen zu können, und wiederum auch als Antwortgeber auftreten.

Nahezu zeitgleich mit Lycos iQ kam Yahoo! Ende 2005 mit einem ähnlich gearteten Dienst unter dem Namen Yahoo! Answers auf den Markt – hat da der eine vom anderen abgeschaut? Worin unterscheidet sich Lycos iQ von Yahoo! Answers?

Die Produkte wirken nur oberflächlich ähnlich, da sie sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigen. Wer genauer hinschaut, erkennt sofort die Unterschiede: Lycos iQ ist im Vergleich zu Yahoo! Answers ein mehrdimensional gestaltetes Produkt. Die Nutzer können bei Lycos iQ sowie bei Yahoo! Answers Fragen stellen, auf die andere Antworten geben, dies ist die einzige Gemeinsamkeit. Allerdings sind bei Yahoo! Answers nur englischsprachige Fragen erlaubt, was für einen Grossteil der deutschen Nutzer eine Hürde darstellen dürfte. Bei Lycos iQ werden zusätzlich Suchfunktionen über den gesamten Fragenbestand angeboten. Außerdem verfügt Lycos iQ über ein Expertennetzwerk, welches den interaktiven Austausch und die gegenseitige Bewertung der Nutzer ermöglicht und fördert sowie über ein dynamisches und sich automatisch erweiterndes Kategoriensystem, welches die Bezüge von unterschiedlichen Fragen, Antworten, Links und Experten herstellt.

Worin unterscheidet sich Lycos iQ zum vor 2 Jahren gestarteten Google Answers?

Bei Google Answers geben Experten Antworten gegen Bezahlung. Die Fragesteller bieten dort Geld für die Beantwortung von Fragen – in Höhe von zwei bis 200 Dollar. Google erhält eine Provision aus den gezahlten Honoraren. Der kommerzielle Charakter ist natürlich eine große Hürde bei der Marktakzeptanz. Bis auf eine Suchfunktion über bereits vorhandene Antworten fehlen Google Answers die gleichen Faktoren, die zu Yahoo! Answers genannt wurden. Lycos iQ geht deutlich weiter als Yahoo! Answers und Google Answers und ist daher kaum vergleichbar.

Was kann Lycos iQ besser, warum wird Lycos iQ funktionieren?

Lycos iQ folgt konsequent dem „Web 2.0“-Konzept. Es versteht sich als eine „soziale Software“, die von den Menschen, die es nutzen, mitgestaltet wird. Lycos iQ ist kostenlos, und es wird offene Schnittstellen zu anderen Tools und Plattformen bieten. Lycos iQ monopolisiert nicht, sondern integriert, dies wird zu einer großen Akzeptanz und Stärke auf dem Markt beitragen. Und Lycos iQ setzt als eines der ersten Produkte auf dem europäischen Markt das mächtige Prinzip des „Tagging“ konsequent ein. Dadurch werden die starren Kategoriensysteme ersetzt, die bei Yahoo! und Google noch eingesetzt werden, um Themen sinnvoll zu ordnen. Dass heißt: Bei Lycos iQ verschlagworten alle Nutzer ihre Inhalte mit den für sie relevanten Begriffen. Das System lernt daraus und stellt Bezüge her zwischen unterschiedlichen Wissensobjekten. Lycos iQ stellt als soziales Tool aber vor allem auch Verbindungen zwischen Menschen her. Es verweist die Nutzer nicht wie klassische Suchmaschinen auf lange Listen mit tausenden von Weblinks, sondern stellt gezielt Verbindungen zu anderen Menschen her, die Experten für das fragliche Thema sind. Vertrauen und Interaktion sind hier wesentliche Triebkräfte. Dies macht Lycos iQ zu einer attraktiven und willkommenen Alternative zu den Ergebnislisten der algorithmischen Suche, die zudem auch häufig mit Spam überflutet werden.

Was bedeutet das für die Nutzer von Lycos iQ?

Ein Nutzer muss den konzeptionellen Überbau über Web 2.0 und soziale Software nicht kennen. Er kann Lycos iQ ganz einfach und intuitiv seinen Bedürfnissen entsprechend nutzen. Zum Beispiel, um eine Frage stellen. Das System erkennt anhand der zugeordneten Themen, ob es schon Antworten, Links oder Experten gibt, die hier weiterhelfen könnten. Es schlägt den Experten dann ganz gezielt die Frage vor, und eine Antwort kann schon nach wenigen Minuten den Fragesteller erreichen. Der Fragesteller bewertet die Antworten, und auch andere Nutzer können Fragen bewerten. Aus all dem lernt das System und kann anderen Nutzern dadurch umso besser helfen.

Welchen Stellenwert hat die Suche bei Lycos Europe, nachdem Sie sich ja verstärkt als Portalanbieter und Anbieter von Web-Tools positioniert sehen?

Nach wie vor gehört Lycos zu den bekanntesten Suchmarken in Deutschland und Europa. Die Suche ist eines der zentralen Geschäftsfelder von Lycos, eine Kernaktivität, und zugleich ein lukratives wie zukunftsträchtiges Geschäftsfeld. Wir sind überzeugt, mit der Einführung von Lycos iQ den Startschuss zu einer entscheidenden Weiterentwicklung der Suchtechnologie gegeben zu haben. Ergänzend zu den Spidern und Algorithmen der klassischen Websuchen führen wir die „Social Search“ als ein vernetztes, dynamisches System ein, das von vielen Menschen gestaltet und weiterentwickelt wird.

Ende Originalinterview

Veröffentlicht von Marc

Marc Pentermann bloggt seit über zehn Jahren, hauptsächlich über technische, politische und netzpolitische Themen. Auch über Gadgets, oftmals aus dem Hause Apple und immer wieder gibt es Fotos aus dem Leben. Immer sonntags gibt es einen Sammelbeitrag von lesenswerten Artikeln. Er arbeitet als Sozialpädagoge in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Seit 2010 lebt er in Österreich (mehr).