Internetkram, Politik & Gesellschaft

Wikipedia: Die Relevanz der Löschdiskussionen und die personalisierte Zukunft

Ungefähr seit Oktober 2009 tobt rund um die Wikipedia eine große Debatte. Es geht um die Löschung von Artikeln, die den Relevanzkriterien der Wikipedia nicht entsprechen sollen. Es geht um Administratoren der Wikipedia, die sich zusammenklüngeln, um eine schlechte Beteiligung beim Schreiben und Verbessern von Artikeln, um eine geringe Wertschätzung der Arbeit von Wikipedia-Neulingen und um das unübersichtliche Interface der alten MediaWiki-Software.

Protagonisten der Wikipedia-Debatten

Zu den bekanntesten, aber nicht einzigen, Protagonisten auf der Kritikerseite gehören vor allem fefe, Maha (beide bekannte Mitglieder im Chaos Computer Club) und zahlreiche Blogger und Internetaktivisten, die meistens außerhalb der Wikipedia stehen. Innerhalb der Wikipedia scheinen die Stimmen nicht so laut. Oder jedenfalls nicht so laut nach außen zu dringen.
Diskussionspartner von Seiten der Wikipedia sind vornehmlich Pavel Mayer und Kurt Jansson.

Im Rahmen der Wikipediadebatte wurde auch eine Podiumsdiskussion in Berlin im November 2009 durch Wikimedia Deutschland veranstaltet, die es in zahlreiche Onlinemedien schaffte. U.a. dadurch dass ein bekannte Kritiker (Markus Kompa) nicht an der Veranstaltung teilnehmen durften.

Lesenswerte Beiträge (aus dem letzten Jahr)

Einen Überblick über Wikipedia-Löschdiskussion gibt es in diesen Artikeln:

Namen für die Frontlinie: Exkludisten und Inkludisten

Vielfach entspannt sich die Diskussion um die grundlegende Frage, ob alle möglichen Inhalte in die Wikipedia gehören. Oder ob in der Wikipedia nur relevante Artikel erscheinen sollen. Zur Orientierung hat die Wikipedia sog. Relevanzkriterien aufgestellt. Diskussionsgegenstand ist also die Frage:

Was gehört in die Wikipedia?

Exkludisten halten das Ideal einer Enzyklopädie hoch. So sind ein Kochrezept, der Episodenführer einer Fernsehserie oder auch die Abgeordneten einer Kleinstadt nicht Teil der Wikipedia. Auch soll die Wikipedia ein Spiegel der Wissenschaft zu sein, sodass nur Wissen (aus Sekundärquellen) widergespiegelt wird. Und eben kein Wissen erschaffen werden soll. Die deutsche Wikipedia hat so z.B. Einzelbelege eingeführt, die diesen Charakter noch untermauern. Die Pflege der Artikel sei bei Aufnahme aller Inhalte nicht zu gewährleisten.

Auf der anderen Seite sind nun die Inkludisten zu finden. Sie sprechen sich für die Aufnahme aller Inhalte auf. Eben auch, weil es für gewisse Netzphänomene wie den Tschunk (ein in Hacker-Kreisen beliebter Cocktail) keine wissenschaftlichen Belege gebe [nach Tim Weber in dem Video unten bei 1:18:00]. Relevanz sei zudem ein individuelles Kriterium, das nicht definierbar ist.

Die Debatte startet …

So ist die -anscheinend schon länger hauptsächlich intern geführte- Debatte hochgekocht, als der Wikipedia-Eintrag zum Verein MOGIS gelöscht (bzw. eine Löschdikussion gestartet) wurde. MOGIS (“MissbrauchsOpfer Gegen InternetSperren”) ist ein Verein, der in der politischen Diskussion um das Zugangserschwerungsgesetz ["Zensursula"; der Zugang zu kinderpornografischen Inhalten im Internet sollte damit erschwert werden, was die Errichtung einer staatlichen Zensurinfrastruktur einschloß] gegründet und aktiv war. Der Verein hat anscheinend sehr wenig Mitglieder, sodass er nicht den Relevanzkriterien der Wikipedia entsprach.Für zahlreiche Zensurgegner war er in der politischen Auseinandersetzung wichtig, weil er eine Position der Missbrauchsopfer darstellte.

International?!

International, die englischsprachige Wikipedia wird oftmals angeführt, gibt es auch Relevanzkriterien. Und auch Exkludisten, Inkludisten, Exclusionisten, Inclusionisten und ähnliche Diskussionslinien gibt es dort anscheinend in ähnlicher Form auch. Sie soll allerdings in weniger extremer Form dort geführt werden und die Relevanzkriterien sollen nicht so scharf ausgeführt sein. Martin Haase spricht hier von einem [deutschen] Sonderweg [0:25:25].

26c3 – “Wikipedia – Wegen Irrelevanz gelöscht”

Der Chaos Computer Club hat auf seinem jährlichen Chaos Communication Congress eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Unter dem Titel “Wikipedia – Wegen Irrelevanz gelöscht” wurde über die Wikipedia diskutiert. Das Video ist bei Sevenload hochgeladen worden mittlerweile nicht mehr verfügbar! oder auch als mp4 (1,53 GB) verfügbar.

Über die Podiumsdiskussion auf dem 26c3 gibt es natürlich auch schon einige Berichte. Diese drei erscheinen mir erwähnenswert:

Levitation

Tim Weber stellte auf der Podiumsdiskussion des CCC sein Projekt Levitation (Levitation Wiki) vor. Wenn ich es richtig verstanden habe, soll damit eine neue Art von Wikipedia geschaffen werden können: Individuelle Versionen für jedermann. Er verglich Levitation mit dem Linux-Kernel und einem verteiltem Versionskontrollsystem (GIT).
So soll jeder etwas hinzufügen können und somit seine eigene Wikipedia kreieren können.
Eine ähnliche Vielfalt wie bei den diversen Linux-Deviraten kann förderlich sein. Frei nach dem alten Spruch Konkurrenz belebt das Geschäft! Doch gilt das auch für Wissen?
Oder werden mehrere “Gruppen” entstehen, die ihre jeweiligen Teilbereiche zusammenfügen. Beispielsweise eine Gruppe engagierter Historiker, die sich den Themenbereich Geschichte vornehmen. Und diesen dem Teil der CCC-Hacker hinzufügen, die sich die unterschiedlichsten APIs vornehmen und diese erläutern? Das klingt schon sehr sinnig, wenn sich Expertenwissen so verteilt sammeln könnte und dann gemeinsam zugänglich gemacht werden könnte.

Neutralität in der Levitation-Wikipedia?

Doch wie sieht es mit dem neutral point of view aus? Wikipedia-Artikel sollen möglichst wertneutral geschrieben werden. Dass aber Firmen, Personen, Interessengruppen u.a. immer wieder versuchen, die öffentlichen Informationen zu ihren Gunsten zu verändern, hat die Geschichte der Wikipedia oft genug gezeigt.
Es wird also höchstwahrscheinlich mehrere Versionen bestimmter Artikel geben. Welche Version einem nun angezeigt wird, ist die interessante Frage. Sicherlich kann sich jeder ein Web-of-Trust bauen und bestimmen, wessen Versionen er lesen möchte. Doch dafür müsste man erstmal eingeloggt sein. Dass ist man natürlich einerseits nicht immer und andererseits ist das auch nicht von einem Großteil der Benutzer zu erwarten. Welche Version wird also standardmäßig angezeigt?
Wird für den Otto-Normal-Ich-suche-bei-Google-und-finde-Wikipedia-Besucher die Version angezeigt, die die meisten als akzeptabel empfinden? Setzt sich dann die berühmt-berüchtigte wisdom-of-the-crowds durch? Oder werden (hoffentlich übersichtlich) mehrere Alternativen angezeigt?
Und was für mich die spannendere Frage ist:

Werden (inhaltliche) Auseinandersetzungen noch geführt oder werden sie abgebügelt mit dem Verweis, eine eigene Version zu erstellen?

Probleme, Probleme, Probleme …

Die Auseinandersetzung zwischen den Exkludisten und den Inkludisten ist wohl nicht das einzige Problem der Wikipedia. Neue Autoren fehlen …

1. – Das alte, unübersichtliche Interface der Wikipedia

Wikipedia Interface
MediaWiki ist die technische Basis der Wikipedia. Das Interface ist mittlerweile einige Jahre alt und definitiv nicht mehr state-of-the-art. Es ist unübersichtlich und die Syntax ist kompliziert. Das Konzept der Namensräume ist auch nicht leicht verständlich. Für viele Einsteiger, mögliche neue Autoren dürfte das eine schwere Hürde sein.

2. – Löschen statt …?

Neun Minuten nach dem Erstellen des einemillionsten Artikels bekam dieser einen Löschantrag, indem die Relevanz diskutiert wurde. Und bei der Podiumsdiskussion “Wikipedia – Wegen Irrelevanz gelöscht” meldet sich ein Zuschauer mit folgenden Worten aus dem Publikum zu Wort:

Einer der Vorredner hat schon gesagt, er hat einen Artikel geschrieben, er hat sich viele Stunden lang hingesetzt — das glaube ich ihm auch — ähm, er hat sich viele Stunden lang hingesetzt, hat einen -, hat sich bemüht einen Artikel zu schreiben, hat andere Artikel hergenommen, und zwei Tage später war der Artikel weg. Ähm … um bei Internetmemes zu bleiben: Epic Fail! Liebe Wikipedia Epic Fail!
[ab 1:50:10]

Es gibt sicherlich kein Recht auf das Einstellen eines neuen Artikels. Und es gibt auch sicherlich einige schlechte Artikel, die eingereicht werden. Und sicherlich gibt es auch unpassende Artikel. Doch wie geht man mit solchen Inhalten um?
Macht sich jemand viel Mühe mit dem Erstellen eines Artikels, dann kann man davon ausgehen, dass ihm das Thema am Herzen liegt. Gleich danach zu hören, der Artikel sei nicht relevant und müsse gelöscht werden, wirkt wohl wenig motivierend.
Warum nicht wenigstens den umgekehrten Weg gehen: Artikel schreiben kann weiterhin jedermann, aber erst ab einer bestimmten Anzahl von guten Bewertungen und ggf. Verbesserungen wird dieser ganz offiziell frei geschaltet?
Zusammen mit einem guten Mentorenprogramm ließen sich vielleicht weniger Autoren direkt vergraulen.

3. – Die Demokratie der Admins

Über die Administratoren in der Wikipedia gibt es immer wieder Diskussionen. Zum einen wohl, weil es eben die Administratoren sind, die einen Artikel wirklich löschen können; wobei jeder einen Löschantrag stellen kann. Ebenso scheint die Wahl eines Admins nicht unbedingt demokratisch zu sein und eine Wiederwahl auch nur auf Antrag notwendig (und nicht nach Ablauf einer bestimmten Zeitperiode). Allerdings ist das Admin-System von außen relativ schlecht zu beurteilen, weil es einerseits selber sehr detailreich und andererseits die Aufbereitung relativ unübersichtlich ist.
Ebenfalls ist oftmals, direkt oder indirekt, von gewissen Klüngeln zu hören, die die Wikipedia nach ihren Wünschen beeinflussen. Das ist m.E. nichts Besonderes bei einer Gemeinschaft, die über einen längeren Zeitraum zusammen arbeitet. Doch die Auswirkungen sind natürlich nicht gewollt, wenn man ein demokratisches Projekt erwartet.

Lösungen für das Wikipedia-Projekt?!

Für wesentlich halte ich es, dass die Barrieren um sich zu beteiligen, gesenkt werden. Dazu ist eine (Ver-)Änderung der grundlegenden Software sicherlich notwendig. Eine Änderung der Mentalität, wie oftmals gefordert, aber garantiert noch mehr.

Doch reichen dazu Anstöße von außen alleine?
Wie (und was) wird innerhalb der Wikipedia-Community diskutiert?

5 Kommentare

  1. Andrea

    Vielen Dank für den Artikel und insbesondere den Link zu der Podiumsdiskussion (mp4).

    Gruß
    Andrea

  2. Matthias

    Die WPAdmins müssen jedes Jahr neu gewählt werden! Sonst geht Wikipedia den Bach runter!

  3. Das Prinzip das (jederzeit) abgewählt werden kann, wenn etwas schlecht läuft, scheint mir nicht unbedingt so schlecht zu sein …

  4. Das ist wieder ein ausgezeichneter Beitrag von Dir.
    Vor allem, weil es Dir gelungen ist, die Diskussion so gut und verständlich wiederzugeben, dass ich mir das schauen des Films hätte sparen können. Auch wenn der, wenngleich sehr lang, sehr unterhaltsam war…:-)

    Ich finde es übrigens nicht so einfach wie Matthias. Denn selbst wenn jedes Jahr eine Neuwahl der Admins anstehen würde, hieße das noch lange nicht, dass sich etwas ändert. Mit einer Regelung zur regelmäßigen Neuwahl von Admins ist es nicht getan.
    Es muss Personen geben, die den Job auch tun wollen und es muss Personen geben, die die Admins wählen wollen und können – sprich, sie müssen Entscheidungskriterien für eine solche Wahl haben.

    Ich denke, ein wesentlicher Punkt mit dem man einiges verändern könnte, ist die Schwelle die Autoren und potentielle Mitarbeiter überschreiten müssen, um aktiv werden zu können, Wie du oben schon gechsrieben hast oder, wie Maha es im Film formulierte:
    “Das ist ein Punkt, der vielen Wikipedianern, auch mir, lange Zeit nicht aufgefallen ist… Ich habe immer gedacht, naja das ist ja wirklich leicht zu nutzen, kann ja jeder, und wurde auch daurch bestätigt, weil das in der Wikipedia ja jeder konnte. Dann bin ich vor einiger Zeit in dem Piratenpartei aktiv geworden, hab gesehen, die haben alle Probleme mit ehm, dem Piratenwiki. […] Dann ist mir aufgefallen, wir hatten das Problem nie bei der Wikipedia, weil bei der Wikipedia eben nur die Leute übrig geblieben sind, die damit umgehen konnten.” (28.00)

    Und wenn ein solches Projekt solche Hürden hat, die – überspitzt gesagt – nur von Spezialisten überwunden werden können, dann kann man nicht erwarten, dass sich eine demokratische, oder von mir aus auch eine anarchistische, Basiskraft entwickelt, die bereit ist die Wikipedia mitzugestalten. Es ist m.E. schon verwunderlich, dass es überhaupt so viele aktive Autoren und Mitarbeiter existieren. (Ich will damit nicht sagen, dass es für den deutschen Michel unmöglich ist, dort aktiv zu werden und Artikel zu verfassen, aber es ist nicht einfach und unterscheidet sich sehr von vielen anderen Möglichkeiten im Internet die zu Beiträgen auffordern.)

    Das ist m. E. die eine wichtige Seite, die andere Seite ist sicher die Frage, wie die Wikipedia ihre Ansprüche an Wissenschaftlichkeit gerecht werden will und welchen Theorien dabei gefolgt werden soll. Denn über nichts anderes wurde diskutiert:
    Schwarmintelligenz nutzen, Anarchie zulassen und davon ausgehen, dass sich die Spreu sich auf natürliche Weise vom Weizen trennt oder ein hierarchisches Qualitätsmanagement zulassen, das Macht hat aber auch eine Verpflichtungen und die Verantwortungen für die Qualität übernehmen muss?

    Ehrlich gesagt, finde ich es außerordentlich schwer mir hierzu eine Meinung zu bilden, weil ich mir sehr unsicher bin, welches auf lange Sicht der richtige Weg wäre, so dass ich erst einmal die Verbesserung der technischen Seite vorschlagen würde – wenn ich könnte…
    Dadurch würden sich m. E. schon eine Menge Veränderungen, auch an den Machtverhältnissen innerhalb der Wikipedia, ergeben.

    Gruß Dirk

  5. @Dirk: Danke!

    In welche Richtung die Wikipedia gehen kann, soll und wird, ist wirklich die spannende Frage. Die Technik kann bei dieser Frage ja nur unterstützend helfen, ist aber natürlich ist im Internet die Technik immer die Basis, die Beteiligung überhaupt erst möglich macht.
    Aber wer diese (Weiter-)Entwicklung anstößt, ist natürlich auch fraglich …