Blog = Medium ≠ Blogosphäre

Dave and Bernadine with their New Blog von Eric Olson

Von vielen wird immer eine Blogosphäre konstruiert. Als Gesamtheit der Weblogs und ihrer Verbindungen (Wikipedia) wird sie wohl anscheinend definiert. Ich halte dies für gelinde gesagt Unsinn. Ein Blog ist ein Medium nicht mehr und nicht weniger.

Was ist ein Blog?

Selbst hier scheiden sich schon die Geister. Wichtig ist sicherlich, dass ein Blog grundsätzlich chronologisch organisiert ist. Ebenso sind regelmäßige Aktualisierungen in Form neuer Beiträge/Internetseiten ein gutes Kriterium. Die Kommentar- und Trackback-Funktion erhebt auch Anspruch in die Kriterienliste genommen zu werden. Die Selbstdefinition der/des AutorIn und die Verwendung einer Blogsoftware sind m.E. ebenfalls relevant. Schauen wir uns die Punkte im einzelnen an.

Chronologische Organisierung

Früher gab es auf vielen Internetseiten eine zuletzt aktualisiert-Seite. Sie wies darauf hin, was wann überarbeitet oder neu hinzugekommen war. Einen großen Unterschied zu heutigen Blogs gibt es eigentlich nur in dem Aspekt, dass heute vielmals alte Beiträge nicht überarbeitet werden, sondern ganz einfach ein neuer Beitrag zu einem bestimmten Thema erstellt wird. Eigentlich wird so unnützer Schrott produziert, wenn keine neuen Aspekte hineingebracht werden. Der verzweifelte Leser, der vielleicht durch eine Suchmaschine auf die Seite gestoßen ist, wühlt sich durch alte, vereinzelte Beiträge und findet nur selten einen kompletten Überblick.
NYC Photobloggers3: Dear Blog von LarimdaMEDie früher charakteristischen Kalender haben auf vielen Blogs mittlerweile ausgedient. Sie sind als Navigationselemente sinnlos, denn die wenigsten werden sich interessieren, wann etwas geschrieben wurde. Vielmehr ist interessant, wo thematisch ähnliche Beiträge zu finden sind. Mit den gerade aus der Mode gekommenen Tagclouds wurde ein Schritt zu einer solchen Navigation hin gemacht, aber aufgrund der Unübersichtlichkeit wieder zurückgenommen. Die Anzeige thematisch ähnlicher Beiträge auf Basis von Tags ist der nächste Versuch. Wann die jeweiligen Blogartikel aber geschrieben wurden, interessiert eher weniger.

Regelmäßige Aktualisierungen/neue Blogbeiträge

Nun das hat eine Zeitung auch. Und als ich früher eine ganz normale Internetseite hatte —allerdings größtenteils ohne Sternenhintergrund und blinkende Baustellen-Schildchen— war ich auch fortwährend am Basteln und natürlich auch am Hinzufügen neuer Inhalte. Neu ist es also nicht, das Korrigieren, Überprüfen und Erweitern der Inhalte unterscheidet sich aber von dem normalen Bloggen. Denn hier wird meiner Beobachtung nach immer neu veröffentlicht und nur in seltenen Fällen werden alte Blogbeiträge überarbeitet. Ein kleiner aber feiner Unterschied, der manchmal allerdings zugunsten der Aktualität und zu Ungunsten der Qualität führt. Selbst bei meinem kleinen Blog überrascht es mich doch immer wieder, was in den knapp 400 alten Beiträgen noch so herumliegt.

Kommentar-Funktion vs. Gästebuch

Addicted blogger on blogger's march von karpidisIn Zeiten des Web 1.0 hinterließ man seine Grüße ganz standesgemäß im Gästebuch. Heute sind es oftmals die Kommentare einzelner Beiträge, die diese Funktion übernehmen. Allerdings sind sie weitaus themenbezogener. Und eine Kommentarfunktion lädt auch eher zu einem Eintrag ein. Der Besucher kann sich auf den jeweiligen Blogpost beziehen und muss nicht seine Sympathie bekunden durch sinnfreies Tolle Webseite, ey. Viele Grüße aus Lüdenscheid, dein Marc-Geschwafel.
Ergänzungen und Kritik bringt also die Kommentarfunktion, wenn denn das Blog mal nicht über die sonntägliche Magenverstimmung ob der durchzechten Vornacht schreibt. Und selbst da haben Tipps à la Trink ne Flasche Wasser und geh an die frische Luft einen wertvolleren Charakter als viele Gästebucheinträge.

Pingback und Trackback

Hier kommt die Vernetzung zwischen den einzelnen Webseiten, den einzelnen Blogs nun doch eher zum Tragen. Denn die Pingbackfunktion eines Blogs ermöglicht relativ schnell die Bildung eines Netzwerkes. Jedenfalls eines Netzwerkes der Internetseiten, ob und wie die jeweiligen Blogautoren damit umgehen, steht auf einem anderen Blatt. Virtuelle Vernetzung bieten sie auf alle Fälle besser als der früher übliche Bannertausch, es ist ebenfalls themenbezogener (wie bei den Kommentaren) und oft auch ganz einfach leichter. Es ist im schlimmsten Fall das Heraussuchen und Einfügen einer zusätzlichen Trackback-URL. Langes E-Mails-Geplänker und Vermailen riesiger Banner fällt flach. Trotzdem: Die vermeintliche Vernetzwerkung durch einen Pingback (oder auch Kommentar) ist erstmal rein virtuell, hürdenlos aber deshalb m.E. weniger intensiv. Wenn ich mit jemandem schon die eine oder andere E-Mail ausgetauscht habe, würde ich ihn bei einem (zufälligen) Treffen eher ansprechen, als wenn ich seinem Blog mal einige Pingbacks geschickt habe, die er dankenswerter Weise nicht gelöscht hat.

Vernetzt ein Blog also?

the lonely blogger von Mr. WrightAb wann ist man denn vernetzt? Nach dem gemeinsamen Trinken eines Bieres auf einer Abendveranstaltung? Der gemeinsamen Teilnahme an einem Bloggertreffen? Dem Austausch einiger E-Mails? Jeweils zehn gegenseitiger Pingbacks und drei persönlicher Kommentare zu unterschiedlichen Blogpostings?!
Erstmal vernetzt Blogsoftware unterschiedliche Internetseiten. Das macht sie ganz effektiv und sicherlich auch auf einem höheren Niveau als Bannertausch, selbsterfundene Awards und Webringe. Aber ob und wie stark sich ein Blogautor versucht mit anderen zu vernetzen, ist immer noch ihm selber überlassen. Das Blog und die Blogsoftware aber ist dafür nur ein Instrument.

Das Blog als Instrument

Fassen wir kurz zusammen: Ein Blog bietet die technischen Möglichkeiten sich besser zu vernetzen, als es früher (damals *schwelg*) üblich war. Es ist einfacher und tendenziell themenbezogener. Die einzelnen Aspekte eines Blogs sind nicht unbedingt neu, in der Summe sind sie allerdings neuartig. Der Grad der Vernetzung ist aber immer noch dem Menschen vor der Tastatur überlassen.
Und genau dort setzt meine Kritik an dem Konstrukt der Blogosphäre an. Ob und inwieweit sich ein Blogger mit anderen vernetzt, liegt an ihm. Und nicht an der Benutzung von WordPress, Serendipity, Movable Type oder ähnlicher Software. Und nur weil die Benutzung von solcher Software eine Vernetzung erleichtert, kann man nicht davon ausgehen, dass erstens eine Vernetzung stattfindet und zweitens eine solche überhaupt gewollt ist. Und drittens stellt sich die Frage, wie eine Vernetzung eines Großteils der Blogger untereinander überhaupt aussehen könnte. Kleinere interessenorientierte Netzwerke mögen durch Blogs leichter entstehen, von einem noch so schwachen Netzwerk aller Blogs aber auszugehen, halte ich aber für zweifelhaft.


Blogger Breakfast GDC 07 025 von gamerscoreblog

Denn das einzig gemeinsame ist das Veröffentlichen im Internet. Und alleine die reine Tätigkeit des Schreibens mag zwar verbinden, ein Netzwerk ist aber dadurch noch nicht.

 

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Marc Pentermann bloggt seit über zehn Jahren, hauptsächlich über technische, politische und netzpolitische Themen. Auch über Gadgets, oftmals aus dem Hause Apple und immer wieder gibt es Fotos aus dem Leben. Immer sonntags gibt es einen Sammelbeitrag von lesenswerten Artikeln. Er arbeitet als Sozialpädagoge in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Seit 2010 lebt er in Österreich (mehr).