Antisemitismus in Deutschland

Seit Februar diesen Jahres kann ich mich nicht dazu bewegen, einen bestimmten Artikel auf Telepolis zu lesen.
56 Prozent der Deutschen „frei von Antisemitismus“ lautet der Titel. Und ich frage mich einfach, was mit den restlichen 44 Prozent ist.
Die Pressemitteilung der auftraggebenden Bertelsmannstiftung klingt angenehmer: „Israelis sehen Deutsche positiver als früher“. Erst der Untertitel gibt preis, dass die Umfrage auch in Deutschland durchgeführt wurde: „Antisemitismus in Deutschland auf dem Rückzug?“.

Einige Zitate aus dem Telepolis-Artikel:

Israel & Deutschland

Fast die Hälfte der Deutschen vertritt die Position, dass die jetzt lebenden Deutschen keine besondere Verantwortung mehr für die Juden wegen der Verfolgung in der NS-Zeit tragen. Das sagen ebenso viele Juden in den USA, von den Israelis wird das aber anders beurteilt, die Deutschland weiter in der Verantwortung sehen. Fast 80 Prozent der Deutschen erklären, dass Israel ein Staat wie jeder andere sei, die Mehrheit der Israelis meint hingegen, die Deutschen dürften Israel nicht wie jeden anderen Staat behandeln.

Nie wieder Krieg

Aus ihrer kriegerischen Vergangenheit haben die Deutschen offenbar bislang die Konsequenz gezogen, mehrheitlich gegen Kriege zu sein. So glauben zwar 62 Prozent, dass Israel durch ein iranisches Atomwaffenprogramm bedroht würde, aber nur ein Drittel sieht einen Militärschlag gerechtfertig, „wenn der Iran trotz umfangreicher Verhandlungen die Atombombe baut“. […] Die Mehrheit der Deutschen (58%) glaubt auch nicht, dass es Situationen gibt, in denen militärische Gewalt angewendet muss.

Zur NS-Zeit

55 Prozent der Deutschen sagen, dass der Nationalsozialismus „nur schlechte“ oder „mehr schlechte Seiten“ gehabt habe, wenn 56 Prozent der Deutschen nach Selbstauskunft angeben, nicht antisemitisch zu sein, oder wenn 66 Prozent der Aussage: „Mich beschämt, dass Deutsche so viele Verbrechen an den Juden begangen haben“ zustimmen. Vergleicht man beispielsweise die Antworten auf diese Aussage mit denen vor 15 Jahren, dann stimmten ihr damals mit 60 Prozent weniger Deutsche zu und ist der Anteil derjenigen gesunken, die „trifft überhaupt nicht zu“ sagen.

Andererseits ist die Zahl der Deutschen gegenüber 1991 von 42 auf 40 Prozent kaum gesunken, die der Meinung sind, dass der Nationalsozialismus auch gute Seiten hatte. […] Minderheitenmeinung mit 1 Prozent ist immerhin, dass er mehr gute als schlechten Seiten hatte.

Der berühmt-berüchtigte Schlussstrich

Man weiß zwar schon lange, aber die Umfrage bestätigt es wieder: Die Deutschen würden mehrheitlich gerne endlich einen Schlussstrich hinter ihrer Vergangenheit ziehen. 58 Prozent sind dieser Meinung (wenn auch vier Prozent weniger als 1991), 37 Prozent halten sie für falsch – deutlich mehr als 1991. Auch hier spielt der Bildungsgrad eine Rolle. Menschen mit höherer Bildung sind mehrheitlich gegen einen Schlussstrich, für den allerdings in Westdeutschland mehr Menschen (60%) als in Ostdeutschland (50%) plädieren.

antisemitisch?

Die Deutschen gehen zwar mit überwiegender Mehrheit davon aus, dass in Deutschland der Antisemitismus nicht oder kaum mehr verbreitet sei. Die Antworten auf einige Fragen lässt daran jedoch zweifeln und zeigt die Beständigkeit von manchen Annahmen. So sind immer noch 12 Prozent der Meinung (trifft völlig zu), dass die Juden an ihrer Verfolgung im Nazideutschland mitschuldig gewesen seien. „Trifft gar nicht zu“, sagen 58 Prozent, der Rest bewegt sich dazwischen. Ein Drittel – mehr Männer als Frauen, mehr West- als Ostdeutsche, mehr Ältere und weniger Gebildete als Jüngere und Gebildetere – ist überdies der Meinung, dass die Juden zuviel Einfluss auf der Welt haben. 10 Prozent stimmen auch zu, dass Juden versuchen, Vorteile aus ihrer Vergangenheit zu ziehen, 36 Prozent sehen in der Aussage etwas Wahres. Die Autoren der Studie gehen als Ergebnis der Fragen davon aus, dass 56 Prozent der Deutschen als „frei von Antisemitismus“ betrachtet werden können, während ein Kernsatz von 15 Prozent als „judenfeindlich“ eingestuft werden müsse.

Über den islamischen Antisemitismus hat Telepolis einen Artikel neueren Datums parat: Islamismus = Re-Importierter Antisemitismus

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Marc Pentermann bloggt seit über zehn Jahren, hauptsächlich über technische, politische und netzpolitische Themen. Auch über Gadgets, oftmals aus dem Hause Apple und immer wieder gibt es Fotos aus dem Leben. Immer sonntags gibt es einen Sammelbeitrag von lesenswerten Artikeln. Er arbeitet als Sozialpädagoge in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Seit 2010 lebt er in Österreich (mehr).