Alte Methoden - neue Technik?!
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Cablegate – Der neueste Scoop von Wikileaks

Wikileaks hat wieder zugeschlagen. Diesmal sind es die internen Einschätzungen von US-Botschaften über die politischen Gegebenheiten in fremden Landen. Und da es interne Dokumente (Depeschen) waren, enthalten sie die ungeschminkte Wahrheit. Oder was die US-Diplomaten als Wahrheit bezeichnen.
Und obwohl ich eigentlich vor dem PC den Cyber Monday bei Amazon beobachten wollte, werde ich nun wohl doch gleich die Printausgabe des SPIEGEL kaufen. Denn der SPIEGEL durfte als einzige deutschsprachige Zeitschrift, die geleakten Depeschen vorab begutachten und auswerten.

Cablegate?

Der Begriff Cablegate wurde von Wikileaks selber vorgegeben. Ein durchaus hochtrabender Begriff: Das cable kommt aus den Zeiten der Telegrafie, als Telegramme -besonders überseeische- über den Atlantik gekabelt wurden. Und das abschließende gate erinnert durchaus an die berühmte Watergate-Affäre, die mit dem Rücktritt von US-Präsident Nixon einen durchaus bemerkenswerten Höhepunkt hatte.

Hochtrabend?!

Glaubt man der (englischen) Wikipedia ist der Suffix -gate für politische Skandale durchaus nicht unüblich. Doch mir persönlich ist der Begriff cablegate doch etwas zu hochtrabend gewählt. Für den deutschen Sprachraum gefällt mir die Bezeichnung des Spiegels Die Botschaftsdepeschen doch etwas besser.

Andere schreiben …

Nun macht sich F!XMBR daran, den Spiegel zu demontieren und bezieht sich dabei auf das kleine digitale Notizblog. Dort wird die Geschichte des Twitteres @freelancer_09 wiedergegeben, der die Inhalte des Spiegels schon vor Ablauf der Sperrfrist bekannt machte (z.B. das Titelbild). Ein Kiosk in Basel hatte nämlich schon am Sonntag die aktuelle Ausgabe des Spiegels verkauft. Wobei der Spiegel selber schon zu früh Inhalte preis gab.
Und während New York Times, der Guardian, Le Monde, El Pais und Spiegel Online die Dokumente ja bereits vorab auswerten konnten, überschlagen sich die anderen deutschsprachigen Medien nun mit Informationen über diesen Skandal:

So titelt die ZEIT Amerika in der Vertrauenskrise und spricht von einer Diplomatie, die sich ob des Verlusts der Vertraulichkeit verändern wird:

Und es wird nur einen Weg geben: Wer Vertrauen wieder herstellen will, muss mehr geben, als die anderen schulden. Für eine ganze Weile.

Und die Süddeutsche bringt unter dem Titel USA düpieren Verbündete weltweit einen schönen Überblick. Und zwischen den Zeilen liest sich doch ein gewisser Unmut heraus, dass erneut der Spiegel der exklusive Partner von Wikileaks in Deutschland gewesen ist.
Die taz bringt unter der Überschrift USA finden Merkel “wenig kreativ” ein herrliches Bild von Merkel und Westerwelle. Und gibt dann penible die ungeschönten Meinungen der US-Diplomaten zu deutschen Spitzenpolitikern wieder. Dass man den Redakteur dabei zustimmend nickend sieht, stimmt natürlich nicht. Aber auf Twitter lesen sich ähnliche Meinungen doch sehr deutlich.
Die ARD lässt in einer anscheinend überhastet organisierten Sendung von Anne Will einige Leute zur Sprache kommen. Wobei die Polemiken eines Sascha Lobo doch das einzigste Highlight gewesen sind. (Um diesen Umstand extra noch einmal zu betonen, konnte ich um die Steigerung von einzig nicht herumkommen!) Dass es cablegate auch in die Tagesschau schaffte, ist dabei nun nicht verwunderlich.
Und Der Freitag nahm sich in der Nacht auf Montag einige Details vor und schreibt bspw. im Artikel Durstige Direktiven über das us-amerikanische Verlangen auch UN-Diplomaten ausspionieren zu können.

Neue Methoden - alte Technik?!

Neue Methoden - alte Technik?!

Unabhängig von beleidigten Politikern und sich herausredenden Diplomaten entstehen nun doch ein paar grundlegende Fragen. Die zwar nicht unbedingt kurzfristig, aber doch wenigstens mittelfristig einer Antwort bedürfen.

Dieser neueste Scoop von Wikileaks hat gezeigt, dass Informationen nicht verlässlich geheim bleiben können. Sascha Lobo versuchte diesen Aspekt in der Talksendung Anne Will einzubringen. Und er hat damit recht: Unzählige Datenschutzlecks haben in den letzten zwei Jahren gezeigt, dass viele Anbieter nicht in der Lage sind, die Daten ihrer Kunden abzusichern. Und Wikileaks hat gezeigt, dass auch unter hohen Sicherheitsstandards Informationen nicht geschützt sind. Sobald jemand ein Interesse an der Öffentlichkeit von Daten hat, scheinen sie extrem gefährdet zu sein. Und wenn man bei den privaten Datenlecks noch von Inkompetenz, mangelndem Bewusstsein oder fehlender Finanzierung sprechen kann, hält dies bei politischen Informationen nicht mehr stand. Von relativ hohen Sicherheitsstandards kann man hier durchaus ausgehen – gegen den Willen einzelner diese Informationen aber auch der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, hilft dies aber augenscheinlich nicht.

Auch wenn Wikileaks mit internen Problemen kämpft, das Gesicht und der Gründer Julian Assange mit harten Vorwürfen kämpft, muss man doch einfach festhalten, dass Wikileaks nur eine Plattform ist. Eine anscheinend recht kompetente, aber eben nur eine. Konkurrenz gibt es noch nicht mit dieser Popularität. Aber eben dieses noch weist in die Zukunft. Und ob es in dieser Zukunft überhaupt noch eine Sicherheit für geheime Informationen geben wird? Unabhängig einmal von der Unterscheidung zwischen privaten Daten und politisch oder gesellschaftlich relevanten Informationen … Denn diese Differenzierung muss man in der politischen Aktion als Informations-Freiheits-Kämpfer selbstverständlich treffen. Obschon sie gesamt gesehen, nicht mehr alleine und ausschließlich diskutiert werden kann. Ist das nun das Ende der Privatsphäre? Der Geheimnisse, seien sie persönlich oder politisch?